Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

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Gimli123
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Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von Gimli123 »

Guten Abend zusammen,

mir ist kürzlich der Wohnungsschlüssel in der Tür abgebrochen, leider sehr tief im Schloss. Nach vielen erfolglosen Versuchen mit Laubsägeblättern, Nadeln etc. habe ich schließlich nach einigem Lesen und etwas Draht aus dem Baumarkt den Rundzylinder komplett ausbauen können und dann von innen zerlegen können.

Beim Wiederzusammenbau habe ich allerdings dummerweise nicht darauf geachtet, die (unterschiedlichen) Gehäusestifte wieder auf die richtige Feder zu setzen, auch, weil ich auf die Reihenfolge beim Ausbau nicht geachtet hatte. Nun habe ich gelesen, dass die langen Gehäusestifte zu den kurzen Kernstiften gehören und umgekehrt.

Langer Rede, kurzer Sinn: Vermutlich ist es bei mir falsch, soll ich nun alles noch einmal auseinanderbauen und sicherstellen, ob die Stifte an der richtigen Stelle sind? Das Schloss funktioniert aktuell einwandfrei.

Vielen Dank und herzliche Grüße!

Edit: Es handelt sich um einen älteren Winkhaus-Rundzylinder mit 5 Pins.

worgan
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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von worgan »

Huhu und willkommen bei uns. Wenn das einwandfrei funktioniert, also der Schlüssel auf und zu schließt, dann muss meinem Denken nach alles richtig sein. Ich bin aber nicht sehr erfahren.
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fripa10
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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von fripa10 »

Wenn das einwandfrei funktioniert, also der Schlüssel auf und zu schließt, dann muss meinem Denken nach alles richtig sein.
So ist es leider nicht. Die richtige Zuordnung langer Gehäusestifte zu kurzen Kernstiften und umgekehrt hat schon ihren Sinn. Es entstehen dadurch (weitgehend) gleich hohe Stiftsäulen, so daß erstens das Abtasten der Stiftlänge erschwert wird. Zweitens läßt sich der Schlüssel so leichter einführen, als wenn infolge falschen Zusammenbaus ein langer Gehäusestift auf einen langen Kernstift trifft und so die dortige Stiftfeder stärker gestaucht wird. Drittens kann ein sehr kurzer Gehäusestift in Kombination mit einem ebenfalls sehr kurzen Kernstift sogar dazu führen, daß eine Stiftsäule gar nicht bis ins Gehäuse reicht. Der wichtigste Punkt ist aber viertens, daß gleich hohe Stiftsäulen bei unterschiedlich langen Kernstiften das Schlagen und Elektropicken deutlich erschweren bis verunmöglichen. Denn es wirken dann gleiche Schlagkräfte auf alle Stiftsäulen, wodurch lange Kernstifte tendenziell übersetzt und kurze Kernstifte tendenziell untersetzt werden. Außerdem können Hantelstifte ungünstiger Weise sehr langen Kernstiften zugeordnet sein, wodurch sie möglicherweise ihre Funktion einbüßen.

Kurzum: Das sollte korrigiert werden.

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Retak
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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von Retak »

Diesen Fehler sieht man oft auch bei Schliesszylindern, die ein Schlüsseldienst in der Mache hatte. Neben der oben genannten Einbuße an Sicherheit ist auch die Veschleissfestigkeit beeinträchtigt. Wenn jetzt ein langer Gehäusestift auf einem langen Kernstift sitzt, wird beim Stecken bzw. Ziehen des Schlüssels die Feder übermäßig komprimiert, wenn ein flacher Schlüsseleinschnitt diesen Stift passiert. Irgendwann ist sie dem nicht mehr gewachsen, sie verliert ihre Spannung oder bricht. Ich hab schon verschiedene Zylinder (meist BKS) bekommen, die aus genau diesem Grund ausgefallen waren.

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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von mhmh »

@fripa10:
Von Deinen Argumenten verstehe ich zwei: lang+lang oder kurz+kurz wären problematisch.

Die anderen Probleme treten m.E. aber nur auf, wenn alle Gehäusestifte gleich lang wären - genau das ist hier ja aber nicht der Fall.

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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von Gimli123 »

Großartig, danke für die guten und verständlichen Erklärungen! Ich hatte viel dazu gesucht, aber mir fehlten glaube ich oft die Fachbegriffe dazu, das leuchtet mir aber alles unmittelbar ein. Dann komme ich wohl nicht umhin, nochmal auseinanderzubauen, aber gut. Man muss sich ja auch beschäftigen.

Unter den Gehäusestiften gibt es nun auch noch einen Hantelstift (so sieht er jedenfalls aus) und einer der Stifte ist auf einer Seite verjüngt. Gibt es da noch Tipps zur Zuordnung? Aus fripa10s Antwort lese ich heraus, dass der (kurze) Hantelstift nicht zum ganz langen Kernstift sollte. Ich komme dann zu folgender Zuordnung:

1 - langer Kernstift, kurzer Gehäusestift
2 - langer Kernstift, kurzer Gehäusestift mit Verjüngung
3 - mittlerer Kernstift, kurzer Hantelstift
4 - kurzer Kernstift, langer Gehäusestift
5 - kurzer Kernstift, langer Gehäusestift

(die Reihenfolge im Schloss ist anders)

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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von fripa10 »

mhmh hat geschrieben: 19. Jul 2022 05:43 Die anderen Probleme treten m.E. aber nur auf, wenn alle Gehäusestifte gleich lang wären
Du meinst das Benutzen von E-Pick und Schlagschlüssel würde nicht erleichtert, wenn die Stiftsäulen nicht ordnungsgemäß kombiniert sind (kurz zu lang, mittel zu mittel und lang zu kurz)?

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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von mhmh »

Genau.

fripa10
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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von fripa10 »

mhmh hat geschrieben: 19. Jul 2022 11:41Genau.
Das sehe ich anders. In einer ordnungsgemäß kombinierten Stiftsäule aus kurzem Kernstift und langem Gehäusestift muß man viel stärker schlagen, um den Gehäusestift ins Gehäuse zu treiben. Ist eine andere Stiftsäule mit einem langen Kernstift und einem kurzen Gehäusestift ordnungsgemäß kombiniert, treibt der für die erstgenannte Stiftsäule nötige Krafteinsatz hier auch den Kernstift ein Stück mit ins Gehäuse, wodurch der Zylinderkern blockiert bleibt. Wäre der lange Kernstift planwidrig mit einem ebenfalls langen Gehäusestift kombiniert, leistet die längere und schwerere Stiftsäule beim Schlag mehr Widerstand, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß der Kernstift nicht bis ins Gehäuse saust.

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Re: Frage zum Wiederzusammenbau - Gehäusestifte vertauscht

Beitrag von mhmh »

Tatsächlich werden in Schlagschlüsel-geschützten Zylindern andere Schutzmaßnahmen verbaut, und das aus gutem Grund.

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